Arbeiten, Gedanken

Die geträumte Realität

December 17, 2009 by Philipp

Meine “Semesterarbeit” (über anderthalb Seiten – haha) für das Kontextmodul “Deutsch als kulturelle Praxis”. Drei Texte sollten in Zusammenhang mit einander gebracht werden. Das ganze durfte nicht mehr als 4000 Zeichen lang sein (nochmal: haha). Trotzdem bin ich zufrieden mit meinem Text.

Meine drei Texte sind:

  1. Zhuāngzǐ (auch Tchuang Tse) (ca. 365-290 v. Chr.): „Der Schmetterlingstraum“
  2. Franz Kafka: „Die Verwandlung“ (1912)
  3. René Descartes: „Meditationes de prima philosophia“ (1641)


Die geträumte Realität

Ich heisse Philipp Carlos Adrian, ich studiere Visuelle Kommunikation in Basel und lebe in einer dreieinhalb Zimmerwohnung zusammen mit zwei früheren Schulkameraden, die beide Pharmazie studieren. Im Moment sitze ich auf dem gemütlichen Sessel meiner Eltern, mit dem Computer auf meinem Schoss und schreibe einen Text. Diesen Text um genauer zu sein. Das ist die Realität. Wenn ich dem Computer einen Stoss versetze, weil ich keine Lust mehr habe zu schreiben, fällt er vor mir auf den Boden und ist mit einer, von mir geschätzten Wahrscheinlichkeit von siebzig Prozent nicht mehr funktionsfähig. Das weiss ich, da so die Regeln dieser Welt sind und diese sich nicht ändern und somit jedes Mal, wenn ich meinen Computer hinunter schmeisse, dasselbe passiert. Das ist die Realität. Deshalb werde ich meinem Computer keinen Stoss versetzen, da ich ihn noch brauche – zum Beispiel, um morgen diesen Text abgeben zu können. Ich handle aufgrund dieser Realität.

„Ich, Tchuang Tse, träumte einst, ich sei ein Schmetterling, ein hin und her flatternder, in allen Zwecken und Zielen ein Schmetterling. Ich wusste nur, dass ich meinen Launen wie ein Schmetterling folgte, und war meines Menschenwesens unbewusst. Plötzlich erwachte ich; und da lag ich: wieder „ich selbst“. Nun weiss ich nicht; war ich ein Mensch, der träumt, er sei ein Schmetterling, oder bin ich jetzt ein Schmetterling, der träumt, er sei ein Mensch?“ (Tchuang Tse, aus: Der Schmetterlingstraum)

Das ist die Realität… Tchuang Tse stellt mit seinen Gedanken diese Realität in Frage. Er stellt das in Frage, auf das ich mein Handeln und damit meine Existenz baue. Wer sagt mir, dass ich, Philipp Carlos Adrian, oder dieser Raum, diese Welt existieren? Wer sagt mir, dass ich nicht träume. Oder wer sagt mir, dass nicht jemand anderes von mir träumt und mich dadurch, in seinen Gedanken, für ein paar Sekunden erschaffen hat. Ein paar Sekunden, die mir in der Realität seines Traumes wie ein paar Jahre vorkommen – vielleicht achtzig oder neunzig Jahre? Und wenn der Traum vorbei ist, werde ich sterben. Was hätte mein Leben dann für einen Sinn? Die unterbewusste Verarbeitung der Erlebnisse des Träumers in seiner Realität? Keine wirklich befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens oder auf die Frage, worauf ich mein Handeln gründen soll. Zumal ich dann nicht wirklich existiere, bzw. nur für den Zweck des Träumers in seiner erträumten Realität! Und kann ich dann mein Handeln überhaupt steuern? Ist dann nicht alles vorgegeben und für mich vorherbestimmt? Nur zum Nutzen des Träumers? Bin ich sein Sklave?

Wenn ich das jetzt erkenne, wenn mir dieses „geträumt werden“ bewusst wird, kann ich es dann auch ändern? Wie kann ich mein Leben selbst in die Hand nehmen? Gibt es eine Möglichkeit, aus dem Traum des Träumers aufzuwachen? Als ich selbst – als Philipp Carlos Adrian? Würde damit jetzt der Träumer, der mich erschuf, von seinem Traum geträumt, von ihm übernommen und kontrolliert werden?

Franz Kafka beschreibt vielleicht so ein „vom Traum übernommen werden“ in seiner Geschichte „Die Verwandlung“. Gregor Samsa wacht hier eines Morgens auf und findet sich nach einer unruhigen Nacht, in einem Albtraum wieder. Er kommt im Körper einer grossen Schabe zu sich und muss von da an lernen, mit dieser Realität zurecht zu kommen. Aber wie das Ganze vonstatten gegangen ist, wie der Mensch zur Schabe wurde oder die Schabe zum Menschen wurde, bleibt Samsa so unklar wie Kafkas Leser. Träumt hier ein Mensch eine Schabe geworden oder eine Schabe ein Mensch gewesen zu sein. Wer von beiden ist nun aufgewacht? Wer hat gehandelt?

Und meine Träume? Erschaffe auch ich Realitäten und Schicksale, die nur für die Dauer meines Traumes existieren? Könnte eines der Individuen meines Traumes plötzlich herausfindet, wie es aufwachen kann? Muss ich also aufpassen, was ich träume? Und müssen auch diese Individuen aufpassen, was sie träumen? Und deren Träume auch und immer so weiter? Wenn dem so ist und dies immer so weiter in die Tiefe geht, müsste es doch vielleicht irgendwo weiter oben einen Anfang geben. Möglicherweise bin auch ich der Anfang dieser Kette und würde dadurch also doch als eigenständiges Wesen mit einem freien Willen existieren. Doch wie kann ich herausfinden, ob ich der erste dieser Kette bin und somit nicht geträumt werde, sondern frei handeln kann?

Der Französische Philosoph René Descartes stellte ebenfalls die Frage nach der Realität. Er suchte nach einem Beweis dafür, dass die Welt so war, wie er sie wahrnahm. Dass er sich nicht in einem fremden Traum befand. Descartes kommt dabei zu seiner berühmten Aussage: „Cogito ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich“. Er definiert hier sein Denken als Realität und baut von diesem Punkt aus seine Welt um sich herum wieder auf. Diese Definition ist allerdings der Trugschluss in seiner Überlegung. Es ist, wie wenn jemand in einem Buch schreibt, dass alles was in diesem geschrieben steht, wahr sei und es deshalb, weil des dort geschrieben steht, für die Realität gehalten werden muss. Es wird sofort klar, dass dies kein Beweis ist, da das jeder schreiben kann und es erst eine externe und objektive Instanz braucht, um dies zu bestätigen. Und genau dies ist in unserer Welt nicht möglich, da wir nicht fähig sind, uns aus unserer Realität bzw. unserem Traum heraus, in eine neutrale Position zu stellen und das Ganze von aussen zu betrachten. Dadurch ist es uns schlussendlich auch unmöglich herauszufinden, ob wir wach sind oder träumen und ob unsere Träume unsere eigenen sind oder wir geträumt werden.

Descartes hat für sich eine Antwort gefunden. Eine Antwort, die für ihn stimmt und bei der er nicht fürchten muss, in einem Albtraum aufzuwachen, wie ihn Kafka beschrieben hat.

Aber müssen wir uns denn fürchten? Sollten wir nicht offen bleiben wie Tchuang Tse für alle Realitäten die wir noch träumen werden?


1 Comments

  1. Philipp, December 21, 2009:

    Kanns mir nicht verkneifen:

    Reflexion über das grundlegende Verhältnis von Realität und Imagination auf hohem Niveau. Exzellente Auswahl der Texte und nahezu einwandfreie sprachliche Darlegung des Phänomens.

    Und das “nahezu” könnte man im oberen Text wohl auch weg lassen – hab das korrigiert.

    Is doch schön wenn sowas unter einer Arbeit steht, die man zurück bekommt :)


Leave a comment

 
 
 
 
kontaktInfo
Design & Photography by Philipp C. Adrian © 2010
topLeft topRight bottomRight bottomLeft
B l o g